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Es war einmal ... im Hier und Jetzt

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Brüderchen und SchwesterchenTom Weber
00:00 / 11:48

gelesen von Tom Weber

Es waren einmal Brüderchen und Schwesterchen. Die beiden lebten mit ihrer Mutter in einem kleinen Dorf. Brüderchen und Schwesterchen waren beide gut im Herzen, aber ihre Mutter schlug und schimpfte sie jeden Tag. Sie hatten oft im Dorf nach Hilfe gesucht, doch dort nannte man sie undankbar und faul. Brüderchen wünschte sich nichts mehr, als das Haus für immer zu verlassen und als das Schwesterchen alt genug war, in die Welt zu gehen, nahm sie ihn mit sich. Sie packten ihrer beider Sachen und stahlen sich eines frühen Morgens davon, als ihre Mutter noch schlief. Als die Mutter ihre Kinder jedoch entlaufen fand, ward sie sehr böse. Weil sie sich auf die magische Kunst verstand, sprach sie einen Fluch über alles Wasser, das es um das Dorf zu trinken gab.

 

Brüderchen und Schwesterchen gingen indes den ganzen Tag über Felder, Wiesen und Felsen, bis sie am Abend einen dunklen, tiefen Wald erreichten. Dort wurde Müdigkeit, Durst und Hunger groß, doch Schwesterchen bat ihr Brüderchen, nicht zu rasten. Brüderchen jedoch suchte nach Wasser. Als er eine Quelle fand und daraus trinken wollte, hörte das Schwesterchen es glucksen: “Wer aus mir trinkt, wird ein Wolf!”

 

“Bitte trink nicht”, rief sie sofort. “Oder du wirst ein Wolf und zerreißt mich!”

 

Das Brüderchen trank nicht. An der nächsten Quelle jedoch überfiel ihn sogar noch größerer Durst. Als er jedoch davon trinken wollte, hörte das Schwesterchen “Wer aus mir trinkt, wird ein Vogel” und sie rief sofort: “Bitte trink nicht! Oder du wirst ein Vogel und fliegst mir davon!”

 

Wieder trank das Brüderchen nicht. Bald erreichten sie jedoch eine dritte Quelle, die munter sang: “Wer aus mir trinkt, wird ein Reh!”. Diesmal jedoch konnte Schwesterchen ihr Brüderchen nicht mehr davon abhalten, zu trinken; sein Durst war viel zu groß. Da verwandelte es sich noch auf der Stelle in ein junges Reh.

 

Schwesterchen fiel ihm verzweifelt um den Hals. Dann nahm sie ihr goldenes Haarband, band es dem Reh um den Hals und flocht ein weiches Seil daraus. So führte sie ihr Brüderchen mit sich in den Wald. Bald fanden sie eine kleine Hütte, die unbewohnt war und in der ließen sie sich nieder. Von nun an arbeitete das Schwesterchen jeden Tag hart an der Hütte, bis sie recht wohnlich war und Wind und Wetter ihr nichts anhaben konnten. Das junge Reh aber konnte nicht helfen und Schwesterchen nahm all ihre Kraft zusammen, damit es nicht merkte, wie schwer ihr die Arbeit fiel. Stattdessen ließ sie es den ganzen Tag im grünen Walde spielen und sagte ihm: “Klopfe nur immer abends an meine Tür und sage ‘Mein Schwesterlein, lass mich herein’, damit ich weiß, dass du es bist.”

 

Auf diese Weise lebten sie dort glücklich für einige Zeit. Eines Tages trug es sich jedoch zu, dass der junge Prinz des Landes ihren Wald zum Jagen wählte. Dort sah er bald einen prächtigen Hirschbock mit einem goldenen Halsband, den er schießen wollte. Doch das Tier war viel zu schnell und verschwand am Abend ohne jede Spur. Da schickte er einen seiner Jäger auf die Pirsch. Der schlich dem Bock nach bis zu der kleinen Hütte und hörte, wie er rief: “Mein Schwesterlein, lass mich herein!”. Er sah auch das Schwesterchen und ritt frohen Mutes zum König zurück. Der saß mit seinem Gefolge um ein Feuer. 

 

Der Jäger erzählte, was er gesehen hatte. “Und wie der Hirsch die Worte sprach, hat ihm eine junge Frau die Tür geöffnet! Das ist doch ein Preis, nicht wahr, mein Prinz? Der Hirsch und das Mädchen, beide auf einen Streich.”

 

Dem Prinzen wurde sofort mulmig. Aber sein Gefolge hatte schon viel Wein getrunken. Es johlte, lachte und klopfte dem Prinzen auf die Schulter. Immer, wenn der Prinz sagen wollte, dass es nicht richtig sei, dem Mädchen so aufzulauern, nannten ihn seine Freunde einen Feigling und Verlierer. Das konnte der stolze Prinz nicht zulassen und so ließ er sich drängen, die Hütte aufzusuchen. Noch einmal beschwor ihn sein Jäger um die geheimen Worte, die er nur zu sprechen brauchte, um Hirsch und Mädchen zu bekommen. Der Prinz sah durch das Fenster ein kleines Feuer brennen. Er klopfte an die Tür und sprach: “Mein Schwesterlein, lass mich herein!” Und da ward ihm auch schon die Tür geöffnet. Als das Schwesterlein sah, dass nicht ihr Hirsch vor seiner Türe stand, erschrak sie laut. 

 

Da verließ den Prinzen auf einmal der Leichtsinn und auch die Worte seines Gefolges waren vergessen. Sofort trat er einen Schritt zurück und sagte: “Bitte verzeih, es war falsch von mir, dich so zu täuschen. Darf ich eintreten?”

 

Das Schwesterchen jedoch sagte Nein. Auch, wenn es seinen Stolz verletzte, akzeptierte der Prinz diese Antwort sofort, zog er sein Gefolge aus dem Wald ab und ließ das Schwesterchen und das Reh allein. Viele Jahre lang kehrte er nicht dorthin zurück. Erst, als er schon lange König war, führte ihn sein Weg wieder an der Hütte vorbei. Doch weil er Schwesterleins Bitte respektierte, klopfte er auch dieses Mal nicht an. Als er gerade wieder davonreiten wollte, sah er jedoch, dass das Schwesterlein ihn durch das Fenster beobachtete. Sie tauschten ein paar Worte und bald wurde ein Gespräch daraus.

 

“Du scheinst gute Gesellschaft zu sein”, sprach das Schwesterlein. “Davon gibt es in diesem Wald nicht viel. Wenn du magst, so komm morgen zurück.” 

 

Und das tat der König. Von nun an besuchte er das Schwesterlein fast jeden Abend und hielt mit ihr lange Gespräche durch das Fenster und die Tür. Als es kälter wurde, ließ sie ihn in die Hütte, damit er sich am Feuer wärmen konnte. Da verliebten sie sich bald ineinander. Als der König das Schwesterlein eines Tages jedoch mit auf sein Schloss nehmen wollte, lehnte sie ab und sagte, sie wolle hier im Wald bleiben, wo es ihr und ihrem Hirsch an nichts mangelte. Der König kehrte zwar ohne sie zu seinem Schloss zurück, aber er kam sie besuchen, wann immer er konnte. 

 

Bald erreichte die Kunde jedoch die Mutter des Schwesterchens und die war missgünstig und verbittert. “Das Mädchen kann eine Königin sein und will es nicht. Ich will eine sein und kann es nicht”, sagte sie sich. “Das weiß ich, zu ändern.” Und sie stahl sich nachts in den Wald. Bald schon hörte sie den Hirsch die geheimen Worte sagen und auch sie tat es ihm nach. Das überraschte Schwesterlein aber packte sie und versteckte es in einer Höhle. Mit ihrer Zauberkraft verwandelte sie sich selbst in das Schwesterlein und wartete in der Hütte auf den König. Als er kam, fiel sie ihm um den Hals und sagte, sie wolle nun endlich als seine Frau bei ihm im Schlosse leben und Königin werden. Der überraschte König nahm sie mit sich und heiratete sie auf ihr Drängen noch am selben Tage. Schnell war ihm jedoch seltsam zumute um seine geliebte Frau. Sah er sie doch klar vor sich, so war ihre Natur ganz verändert und alles, was er an ihr liebte, war verschwunden. Da ahnte der König, dass etwas nicht stimmte, aber er konnte nicht sagen, was es war.

 

Das alles hatte jedoch das Brüderchen beobachtet. Es war sofort zu der Höhle geeilt, in der das Schwesterchen gefangen war. Doch weil er ein großer Hirsch mit einem breiten Geweih war, kam er nicht zu ihr herein. So sprach er: “Mein Schwesterlein, lass mich herein!” und aus der Höhle antwortete die schwache Stimme des Schwesterleins: “Was macht mein Mann? Was macht mein Reh? Komm noch zwei Mal, dann bin ich nimmermehr.”

 

Das Reh suchte verzweifelt nach Hilfe im großen Wald, doch fand keine Seele. Als es am nächsten Tag wieder zur Höhle lief und die geheimen Worte aufsagte, sprach das Schwesterlein mit leiser Stimme: “Was macht mein Mann? Was macht mein Reh?  Komm noch einmal, dann bin ich nimmermehr.” 

 

Da war das Brüderchen verzweifelt und weinte so laut, dass die Vögel über ihm aus den Bäumen stoben. Da kam ihm auf einmal eine Idee. So schnell seine Hufe ihn trugen, rannte der Hirsch tief in den Wald hinein zu den verzauberten Quellen. Er fand sich die zweite und nahm einen großen Schluck daraus. Da fiel ihm das Fell ab und er verwandelte sich in einen kleinen Vogel. Das goldene Haarband nahm er in den Schnabel und flatterte so schnell er konnte über Wald und Wiesen hinweg bis zum Schloss. Dort ließ er das goldene Haarband in die Hand des Königs fallen. Der König, der wohl wusste, dass etwas nicht stimmte, verstand sofort. Er schwang sich auf sein Pferd und ritt dem kleinen Vogel nach, zurück über Weiden und Felder und durch den tiefen Wald bis zu der Höhle. Der König kroch herein und fand dort angebunden das Schwesterchen, das gerade noch lebte. Er half ihr aus der Höhle und nahm sie und das Vögelchen mit auf sein Schloss, wo sie bleiben sollten, bis das Schwesterchen wieder gesund war. 

 

Seine falsche Frau aber ward vom Vögelchen enttarnt, das den Verrat mit angesehen hatte. Die Zauberin ward für immer aus dem Reich verbannt. Vorher zwang man sie dazu, all ihre Zauber und Flüche zu lösen und siehe da! Auf einmal wurde aus dem Vogel wieder das Brüderchen, das inzwischen ein erwachsener Mann geworden war. Brüderchen und Schwesterchen fielen sich sofort in die Arme. Eine Zeit lang blieben sie noch bei dem König im Schloss, bis es dem Schwesterchen wieder gut ging. Dort verliebten sich bald auch das Brüderchen und der König ineinander. Als es die beiden Geschwister wieder zurück in den Wald zog, besuchte der König sie, wann immer er konnte. Er wurde von beiden sehr geliebt und regierte sein Land mit Güte und Großmut. Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute.

geschrieben von Kathrin Schobel

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