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Es war einmal ... im Hier und Jetzt

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RapunzelKristóf Gellen
00:00 / 10:29

gelesen von Kristóf Gellen

Es war einmal eine arme Frau, die ein Kind erwartete. Eines Tages wurde sie sehr krank und lag in ihrem Kämmerchen nieder, wo sie den ganzen Tag nichts anderes tun konnte, als aus dem Fenster zu schauen. Von dort sah sie in einen prächtigen Garten, der voll schönster Blumen und Kräuter war. In dessen Mitte stand ein hoher Turm aus Stein. Beides war von einer Mauer umgeben, die niemand zu überqueren wagte, denn der Garten gehörte einer mächtigen Zauberin. Die Frau konnte sich gar nicht satt sehen an dem saftigen Gemüse, das dort wuchs, während sie sich selbst kaum zu Essen leisten konnte. So wurde sie von Tag zu Tag schwächer. Als eines Tages das Geld ausging und sie nichts mehr zu essen hatte, dachte sie verzweifelt an ihr ungeborenes Kind. Mit letzter Kraft verließ sie ihre Kammer, nahm sich einen Korb und schlich sich damit heimlich in den Garten der Zauberin. Dort pflückte sie so viel Feldsalat, bis der Korb ganz voll war. Doch gerade, als er sich damit davonstehlen wollte, wurde sie von der Zauberin erwischt.

 

“Wie kannst du es wagen, mich zu bestehlen?”, rief sie zornig. 

 

Die Frau entschuldigte sich, aber er brachte es nicht über sich, den Feldsalat wieder zurückzugeben. Also bat sie die Zauberin stattdessen um Gehör. Als diese einwilligte, erzählte sie ihr verzweifelt von ihrem Leid. 

 

“Ich weiß, dass ich nicht mehr lang zu leben habe”, klagte sie. “Aber dann hat das Kind niemanden, das auf es achtet. Habt Ihr nicht ein Zaubermittel? Ich gebe Euch alles, was ich habe.”

 

Die Zauberin war von seiner Geschichte sehr gerührt und es fiel ihr schwer, den Kopf zu schütteln. 

 

“Selbst die mächtigste Magie kann nicht über Leben und Tod bestimmen”, sagte sie. “Aber ich kann mich deinem Kind wohl annehmen. Wenn es an der Zeit ist und du es zu mir geben möchtest, werde ich für es sorgen.”

 

Die arme Frau wusste vor Hoffnung und Schwermut nichts zu sagen. Der Gedanke, ihr Kind verlassen zu müssen, schmerzte sie, aber weil sie das kleine Geschöpf jetzt schon liebte wie nichts sonst auf der Welt, nahm sie die Hilfe der Zauberin dankbar an. Bald kam es dann auch, dass die Frau an ihrer Krankheit starb. Aber nicht, ohne davor noch einen gesunden Sohn zur Welt zu bringen, den sie “Rapunzel” nannte, denn das war ein anderer Name für den Feldsalat, der sie so glücklich gemacht hatte. Wie sie es versprochen hatte, nahm die Zauberin ihn zu sich und das Kind wuchs fortan in dem prächtigen Garten auf. 

 

Die Zauberin kümmerte sich liebevoll um Rapunzel und das Kind bedeutete ihr die Welt. Doch je mehr Zeit verging, umso schwermütiger wurde ihr ums Herz. Aber wenn sie an Rapunzel und ihren geliebten Garten dachte, fand sie nichts, was ihr Unglück auslösen könnte und so schwieg sie beschämt darüber. Mit der Zeit legte sich ein schweres Gewicht auf ihre Schultern. Als nicht einmal Rapunzel sie noch zum Lachen bringen konnte, schwand ihre Zauberkraft und ihr grüner Garten verblasste. Auf einmal konnte sie sich nicht mehr um ihre Pflanzen kümmern und fand nicht einmal die Kraft, auf Rapunzel zu achten. Weil sie sich aber noch immer nicht erlaubte, unglücklich zu sein, schwieg sie vor dem Kind darüber. Bald schon begann der Garten, zu vertrocknen. Die Zauberin wollte nicht, dass Rapunzel das sah und sperrte ihren Sohn deshalb in den großen, steinernen Turm. Um ihn zu schützen, legte sie einen Zauber darüber, der die Tür verschwinden ließ. 

 

Dort wuchs Rapunzel nun heran und war in der Nachbarschaft bekannt für sein langes, goldenes Haar, dass er aus dem Fenster hängen ließ, wenn er es kämmte. 

 

Wann immer die Zauberin zu ihm herauf wollte, rief sie: “Rapunzel, Rapunzel, lass mir dein Haar herunter.” 

 

Und sofort schlang Rapunzel seine Zöpfe um den Fensterhaken und ließ sie herab zu ihr, dass sie daran zu ihm hinaufsteigen konnte. 

 

Nach ein paar Jahren trug es sich zu, dass der Sohn des Königs das Dorf besuchte, in dem Rapunzels Turm stand. Als er an dem grauen Garten vorüber ritt, hörte er einen Gesang, der war so lieblich, dass er nicht anders konnte, als die Mauer zu erklimmen und nach der Person zu suchen, die da sang. Es war Rapunzel, der in dem Turmfenster saß und sich die Einsamkeit vertrieb. 

 

“Was für eine schöne Stimme du hast!”, rief der Prinz zu Rapunzel herauf.  Rapunzel erschrak, und sofort sagte der Prinz: “Verzeih. Dein Gesang hat mich gelockt und da bin ich über die Mauer geklettert, weil das Tor verschlossen war. Wenn dir nicht wohl damit ist, dann lasse ich dich wieder allein.”

 

Rapunzel lauschte dem fremden jungen Mann und fand, dass seine Worte ihn sehr schön machten. Er wusste, dass seine Mutter ihm verboten hatte, mit Fremden zu sprechen, aber trotzdem, oder gerade deswegen, rief er: “Geh nicht, ich wünsche mir nichts mehr, als Gesellschaft!”

 

“Dann komm zu mir herunter!”, rief der Prinz zurück.

 

Rapunzel schüttelte traurig den Kopf. “Ich kann nicht zu dir herunter, meine Mutter hat die Tür des Turms weggezaubert. Aber du kannst zu mir herauf!”

 

Und er ließ dem Prinzen sein langes Haar herunter, dass der daran herauf steigen konnte. Den ganzen Abend saßen sie nun beieinander und erzählten, lachten, sangen Lieder und verstanden sich wie ein Herz und eine Seele. Als es dunkel wurde, verabschiedeten sie sich und verabredeten sich noch einmal für den nächsten Abend. Bevor der Prinz aber aus dem Turm kletterte, ließ Rapunzel sich einen kleinen Kuss von ihm stehlen. 

 

Die Zauberin sah das mit an und erkannte den Prinzen sofort. Sie wurde von Sorge gepackt. Der Fremde hatte ihren grauen Garten gesehen und sie schämte sich sehr dafür. Doch so sehr sie sich vornahm, ihn wieder zum Leben zu erwecken, so müde machte sie allein der Gedanke. So trieb sie ab dann immer, wenn der junge Mann zu Besuch kam, im Geäst herum und beobachtete den Turm, denn so schwach ihre Zauberkraft war, so sehr wollte sie doch noch immer auf Rapunzel achten. 

 

Eines Abends kam der Prinz erneut zu Besuch und die Zauberin lauschte. Der Prinz rief nach Rapunzel und sofort ließ er sein langes Haar herab. Als der Prinz danach griff, seufzte Rapunzel schwermütig. 

 

“Ach, ich wünschte, ich könnte mit dir durch den Garten spazieren. Ich habe als Kind so oft darin gespielt…”

 

“Dann musst du sehr traurig darüber sein, dass er jetzt vertrocknet ist”, sagte der Prinz.

 

Rapunzel aber erwiderte: “Er ist nicht vertrocknet. Er braucht nur ein wenig Wasser.”

 

Da hatte der Prinz eine Idee. “Bitte doch deine Mutter, die Tür zurück zu zaubern und wir können ihr zusammen dabei helfen, ihn zu gießen.”

 

Rapunzel klagte: “Das habe ich schon. Aber meiner Mutter geht es nicht gut. Deshalb ist sie so in Gedanken, dass sie nicht mehr hört, was ich sage. Ich weiß nicht, was sie traurig macht.”

 

Da wurde der Prinz ganz nachdenklich. “Manchmal ist ein Mensch einfach traurig. Das wiegt dann so schwer, dass er den Kopf darunter nicht mehr heben kann. Dann braucht es viel Kraft, zu anderen aufzusehen. Und manchmal geht es ohne Hilfe nicht.”

 

Da hielt die Zauberin inne. Sie spürte ganz deutlich das Gewicht wie eine schwere Decke über ihrem ganzen Körper, die sie nach unten drückte. Nein, wollte sie sich mahnen, nein, du darfst nicht traurig sein! Du hast es doch gut und es fehlt dir an nichts! Doch die Worte des Prinzen brachten sie zum Nachdenken. Wann hatte sie das letzte Mal wirklich zu Rapunzel aufgesehen? Die Zauberin hob ihren schweren Kopf und endlich sah sie den Turm ohne Tür, den jungen Prinzen und das traurige Gesicht von Rapunzel, der den Garten trotz allem noch immer so liebte. Da trat die Zauberin aus ihrem Versteck und rief ihm zu: “Rapunzel, Rapunzel, zieh dein Haar hinauf!”

 

Rapunzel war überrascht, aber tat, wie ihm geheißen. Die Zauberin nahm ihre ganze Zauberkaft zusammen. Auf einmal glühte der ganze Turm in einem hellen Licht und in der steinernen Wand des Turmes erschien eine Tür. Dahinter waren sofort schnelle Schritte zu hören und einen Moment später kam Rapunzel durch die Tür gelaufen. 

 

“Danke, Mutter, danke”, rief er glücklich. “Jetzt lass uns dir helfen, den Garten zu gießen und er wird ganz schnell wieder grün und prächtig sein!”

 

Doch zu Rapunzels Überraschung schüttelte die Zauberin ihren Kopf. “Ein Garten, mein Kind, braucht Zeit. Es bedarf viel Liebe und harter Arbeit, damit er wieder blühen kann. Aber ich weiß jetzt, dass ich es mit der richtigen Hilfe schaffen kann. Du aber bist mein geliebtes Kind und sollst deinen eigenen Garten haben. Lebe nur frei und glücklich und du wirst sehen, dass auch hier bald wieder Blumen sprießen.” 

 

Da nahmen sich Rapunzel und seine Mutter fest in die Arme. Sie versprach ihrem Sohn, ihn nie wieder in ihre eigenen Sorgen einzusperren. Auch der Prinz, den Rapunzel sehr mochte, ward schnell in die Umarmung aufgenommen.

 

Von diesem Tage an ließ Rapunzel nie wieder sein Haar herunter. Denn wer ihn besuchen wollte, musste einfach nur an die Türe klopfen. Wann immer er konnte, half er seiner Mutter bei der harten Arbeit, die sie jetzt vor sich hatte. Aber als der erste Schritt getan war und die Zauberin sich die Hilfe gesucht hatte, die sie brauchte, begann der Garten langsam wieder zu grünen. Endlich konnte Rapunzel mit dem Prinzen lange Spaziergänge im Garten machen und es dauerte nicht lang, da verliebten sie sich ineinander. Nach einigen Jahren heiratete Rapunzel schließlich seinen Prinzen und zog mit ihm in das Schloss. Rapunzels Mutter aber lebte ihre alten Hexenjahre in ihrem grünen Garten. Am liebsten waren ihr die Tage, an denen Rapunzel mit seiner Familie zu Besuch kam und sie sich alle schon auf den leckeren Feldsalat freuten, den es dann zum Abendessen gab.

geschrieben von Kathrin Schobel

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