top of page

Es war einmal ... im Hier und Jetzt

9kubik_Milena_Brüggemann Titel (4).jpg
RumpelstilzchenConstanze Winkler
00:00 / 08:53

gelesen von Constanze Winkler

In den alten Zeiten, wo das Wünschen noch geholfen hat, lebte einst eine Königstochter mit ihrem Vater in einem großen Schloss. Das Schloss war von einem wunderbaren Garten umrahmt, in dem alles strahlte und schien, außer ein alter Brunnen. An dem aber saß die Königstochter umso lieber und rollte auf dem Rand ihre goldene Kugel hin und her, denn die liebte sie noch viel mehr als sich selbst. Nun rollte sie sie eines Tages aber zu stark und konnte sie nicht mehr fangen; da fiel die Kugel mit einem Platsch herab in den tiefen Brunnen. Die Königstochter lehnte sich weit über den steinernen Rand und tauchte den Arm in das dunkle Wasser, aber der Brunnen war so tief, dass sie den Grund nicht erreichen konnte. Da schalt sie sich selbst und trauerte um ihr geliebtes Spielzeug. Und wie sie so klagte, rief eine Stimme: “Oh arme Königstochter, dein Leid erweicht ja dem ganzen Garten das Herz. Was ist geschehen?”

 

Die Königstochter sah sich nach der Stimme um und erblickte einen Frosch, der seinen Kopf aus dem Wasser des Brunnens streckte. 

 

“Ich weine über meine goldene Kugel”, sagte sie. “Sie ist mir in den tiefen Brunnen hinab gefallen und ich komme nicht mehr heran. Sie bedeutet mir mehr als alles andere auf der Welt!”

 

“Da kann ich dir helfen”, antwortete der Frosch. 

 

Die Königstochter strahlte freudig. “Was kann ich dir denn als Dank dafür geben? Möchtest du schöne Kleider, Edelsteine oder Schmuck?”

 

“Ach”, sprach der Frosch. “Ich mache mir nichts aus Reichtum. Ich möchte dir einfach einen Gefallen tun.”

 

Und wie er das sagte, tauchte der Frosch auch schon herab in den tiefen Brunnen. Nach kurzer Zeit kam er wieder hervor und trug die goldene Kugel auf seinem Rücken. Die Königstochter nahm sie glücklich an sich. 

 

“Hab Dank, lieber Frosch”, sprach sie. “Du hast mich sehr glücklich gemacht. Ich will meine Kugel sofort in mein Zimmer bringen und sie polieren, bis sie wieder glänzt.”

 

Sie stand auf und wollte glücklich den Pfad durch den Garten zurücklaufen. Da hörte sie ein leises pitsch patsch hinter sich. Als sie sich umdrehte, sah sie den Frosch, der ihr mit großen Sprüngen folgte. 

 

“Ich werde dich noch bis zu deinem Schloss begleiten”, sprach der Frosch. “Das Wetter ist schön und du magst sicher ein wenig Gesellschaft von dem, dem du deine Kugel verdankst.”

 

Der Königstochter zog es ein wenig in der Brust, aber der Frosch war höflich und so dachte sie sich nichts weiter dabei. Bald erreichten die beiden das große, hölzerne Tor des Schlosses. Dort wollte sich die Königstochter von ihrem Helfer verabschieden. 

 

“Schickst du mich schon fort?”, sprach der Frosch. “Ist dir deine goldene Kugel so wenig Wert, dass du ihren Retter schon vergessen hast?”

 

Da war der Königstochter auf einmal, als würde sich eine Eisenkette um ihr Herz legen. Sie wollte den Frosch nicht hereinbitten, aber der Gedanke, ihn abzuweisen, obwohl sie ihm doch Dank schuldete, war ihr noch viel unangenehmer. Also überwand sie sich, hieß den Wachen das Tor zu öffnen und bat den Frosch mit sich hinein. 

 

“Aber ich kann dich leider nur mit in den Schlosshof nehmen”, entschuldigte sie sich. “In die Gemächer darf ich keine Fremden einlassen.”

 

Der Frosch gab ihr keine Antwort darauf und die Königstochter war viel zu wohlerzogen, um es ihm noch einmal zu sagen. So ließ sie den Frosch im Schlosshof herumhüpfen und war erleichtert, als er zu ihr zurückkehrte, wohl, um sich zu verabschieden. 

 

“Ich danke dir noch einmal”, sagte sie zu ihm. “Doch nun möchte ich gehen. Meine Mutter, die Königin, erwartet mich, wir essen jetzt zu Abend.”

 

“So?”, fragte der Frosch. “Und da schickst du mich fort, anstatt mich einzuladen, von deinem Tellerchen zu essen? Wird denn Nettigkeit heutzutage nicht mehr mit Nettigkeit belohnt?”

 

Wieder war der Königstochter unwohl und eine zweite Kette legte sich so schwer in ihre Brust, dass sie kaum ein Wort hervorbrachte. Sie wollte die Gesellschaft des Frosches nicht mehr. Aber sie wollte ihn auf keinen Fall verärgern und so blieb ihr nichts, als den Kopf zu senken und zu schweigen. Sie lief ihm voraus die lange Marmortreppe in den Saal hinauf und setzte sich an die Tafel zu ihrer Mutter, der Königin. Sie würde den fremden Frosch sicherlich herauswerfen. Der sprang auch schon, plitsch platsch plitsch platsch, hinter ihr die Treppe hinauf und klopfte an die Türe. 

 

Die Königin sah, dass ihrer Tochter etwas Schweres auf dem Herzen lag und sie fragte: “Mein Kind, was fürchtest du? Steht da etwa ein Monster vor der Tür?”

 

“Nein, nur ein Frosch”, sprach die Königstochter. 

 

“Was will er von dir?”

 

“Ach Mutter… ich saß am Brunnen und habe mit meiner Kugel gespielt, da ist sie mir hinein gefallen und der Frosch hat sie für mich wieder hervorgeholt. Jetzt ist er mir bis zum Abendessen gefolgt.”

 

Die Königin dachte einen Moment nach und sagte dann: “Hast du ihm dein Wort gegeben?”

 

Als die Königstochter den Kopf schüttelte, erwiderte die Mutter: “Wenn er mit dir kommt, wirst du ihn wohl kaum abgewiesen haben. Wer dir in der Not hilft, dem zeige Dankbarkeit.”

 

Darauf wusste die Königstochter nicht mehr zu antworten. Die schweren Ketten schlossen sich eng um ihr Herz. Schweigend ertrug sie, wie ihre Mutter den Wachen hieß, die Tür zu öffnen. Der Frosch sprang sofort in den Saal hinein und nahm neben der Königstochter an der reich gedeckten Tafel Platz. 

 

Er sprach: “Nun schieb dein goldenes Tellerchen zu mir, dass ich auch davon essen kann.”

 

Die Königstochter sah mit großen Augen zu ihrer Mutter, doch die schwieg. Also tat sie, wie der Frosch verlangte. Während der mit großem Genuss aß, schnürten sich die eisernen Ketten so fest um ihr Herz, dass sie keinen Bissen herunter bekam. Als das Abendessen endlich vorüber war, sprach der Frosch: “Jetzt bin ich müde. Ich möchte mit dir in deinem Bettchen schlafen.”

 

Die Königstochter dachte sofort an den kalten, ungeladenen Frosch in ihrem Bett und kämpfte mit den Tränen. Endlich brachte sie ein leises “Nein” über ihre Lippen, aber auch das fühlte sich nicht gut an. Die Ketten schnürten ihr kleines Herz so fest zusammen, dass es beinahe platzte.

 

“Nein?”, fragte der Frosch. “Bist du mir denn so wenig dankbar für meine Hilfe?”

 

“Ich bin dir dankbar”, antwortete die Königstochter. “Aber ich möchte nicht, dass du in meinem Bettchen schläfst. Ich möchte nicht, dass du von meinem Teller isst, ich möchte nicht, dass du neben mir an der Tafel sitzt und ich möchte nicht, dass du mit mir in mein Haus kommst.”

 

Da ward der Frosch zornig und rief: “Aber das bist du mir schuldig! Hätte ich gewusst, wie undankbar du bist, hätte ich dich selbst für den Rest deines Lebens nach der Kugel fischen lassen!”

 

Und er hüpfte mit großen Sprüngen davon. Die Königstochter war noch immer den Tränen nahe, denn so erleichtert sie war, so groß war auch ihre Angst davor, dass der Frosch Recht hatte und sie eine wichtige Schuld nicht beglichen hatte. Sie wandte sich also an ihre Mutter, die viel älter war und das Leben länger kannte. 

 

Die Königin sprach nur: “Ich hoffe, du hast deine Lektion gelernt. Wenn du nicht halten kannst, was du versprichst, bist du selbst Schuld an dem, was folgt.”

 

“Aber ich habe ihm nie etwas versprochen!”, rief die Prinzessin. 

 

“Doch du hast ihn auch nicht abgewiesen”, sagte die Königin. “Dadurch hast du ihm gezeigt, dass du ihn magst. Wenn du immer so wertvolles Spielzeug offen mit dir herum trägst, musst du dich nicht wundern, wenn so etwas passiert.”

 

Die Worte ihrer Mutter trafen die Königstochter sehr hart. Sie stand ohne ein weiteres Wort von der Tafel auf und rannte in ihr Zimmer. Sie verstand die Welt nicht mehr. War sie denn wirklich selbst Schuld an allem, was ihr passiert war? Musste sie etwas an sich verändern? Da war sie auf einmal unsagbar wütend auf sich selbst. In ihrem Zorn griff sie sich das erste, was sie zu fassen bekam und schmiss es an die Wand. Zu spät bemerkte sie, dass es ihre geliebte goldene Kugel war. Die Kugel prallte gegen die Wand und zerbarst in tausend Stücke. Sofort lief die Königstochter herüber und besah sich die Scherben auf den Boden. Da merkte sie auf einmal, wie eine Leichtigkeit über sie kam. Vor ihren Augen verloren die goldenen Splitter ihren Glanz und waren nur noch Scherben. Die Königstochter konnte auf einmal gar nicht mehr glauben, dass sie sie einmal mehr geliebt hatte, als sich selbst. Eine nach der anderen sprangen die schweren Eisenketten um ihr Herz auf. 

 

“Selbst wenn ich dem Frosch etwas versprochen hätte”, dachte sie. “So darf ich es brechen, wenn ich nicht mehr fühle, dass es das Richtige ist.” Mit der letzten Kette, die sich von ihrem Herzen löste, war es der Königstochter, als ob ein Fluch von ihr fallen würde. Sie dachte an die Worte ihrer Mutter, aber die hatten nun keine Gewalt mehr über sie. Sie war sich jetzt ganz sicher: eine Nettigkeit oder ein Versprechen gibt und nimmt man aus Liebe und niemals aus Zwang, sonst ergeht es dem Herzen wie der schönen goldenen Kugel. Ihr Herz aber war erlöst und frei.

geschrieben von Kathrin Schobel

bottom of page