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Es war einmal ... im Hier und Jetzt

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Schneeweißchen und RosenrotSilke Heise
00:00 / 11:48

gelesen von Silke Heise

Es war einmal vor langer Zeit, da lebten tief im grünen Wald zwei Schwestern. Um ihre Hütte herum blühte ein kleiner Garten und darin zwei prächtige Rosenstöcke, deren Zweige sich ineinander verschlungen. Weil einer davon rote und der andere weiße Blüten trug, hießen die beiden Schwestern Schneeweißchen und Rosenrot. Sie liebten einander und waren ein Herz und eine Seele, obwohl sie unterschiedlicher nicht sein konnten. Schneeweißchen saß gern daheim, las und stickte mit ihren alten Fingern die feinsten und schönsten Bilder. Rosenrot hingegen lief durch die Wiesen und Felder und flocht sich Wildblumen in ihr graues Haar. Wie die Rosenstöcke blühte die Schönheit der beiden das ganze Jahr und war im Dorf, das unten im Tale lag, wohl bekannt.

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War es Sommer, so spazierten die beiden Schwestern oft Arm in Arm durch den Wald, um rote Beeren zu suchen. Und sagte Schneeweißchen: “Wir wollen uns nie verlassen”, so antwortete Rosenrot: “Solange wir leben, nicht.”

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War es dann aber kalter Winter, musste auch Rosenrot zu Hause bleiben. Wenn die Flocken fielen, schoben die beiden Schwestern nachts den Riegel vor die Türe und machten sich ein warmes Feuer im Ofen. Als sie dort eines Abends beisammen saßen, klopfte jemand an die Türe. Sofort sagte Schneeweißchen: “Mach schnell auf, Rosenrot, es hat sich bestimmt jemand im Wald verirrt und sucht Zuflucht.” Und Rosenrot schob den Riegel beiseite und öffnete die Tür. Doch als sie sah, wer da draußen stand, erschrak sie gewaltig! Es war kein Mensch, sondern ein großer Bär mit mächtigen Pranken. Rosenrot kannte die Geschichten, die man sich über hungrige Bären erzählte und wollte ihm die Tür schon vor der Schnauze zuschlagen, da sprach der Bär:

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“Oh bitte, es ist so kalt. Ich möchte mich ein wenig bei euch wärmen.”

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Und die beiden alten Schwestern hörten, dass er es ehrlich mit ihnen meinte. Da beschlossen sie, sich nicht schrecken zu lassen und hießen den Bären in ihrer Hütte willkommen.

“Leg dich ans Feuer”, sagte Schneeweißchen. “Aber pass auf, dass dir der Pelz nicht anbrennt!”

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Und so streckte sich der Bär behaglich vor dem Feuer aus. Es dauerte nicht lang, da wurden Schneeweißchen und Rosenrot vertrauter mit dem Gast. Sie ließen sich von seinem Bärenleben erzählen und teilten Geschichten aus ihrem. 

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Bald schon saßen sie neben ihm am Feuer und vergruben ihre Hände in seinem Fell. Dort schliefen sie ein. Am nächsten Morgen sagten die beiden Schwestern zu dem Bären: “Wir haben dich gern, du bist jederzeit willkommen.” Und ab da kam der Bär jeden Winterabend zu der Hütte im Wald, klopfte an die Türe und lag über Nacht am warmen Feuer mit Schneeweißchen und Rosenrot. Als es aber Frühling kam, verabschiedete sich der Bär bei den beiden Schwestern, bedankte sich und lief aus der Hütte in den Wald hinein. Schneeweißchen und Rosenrot vermissten ihren neuen Freund schon bald und hofften, ihn im nächsten Winter wiederzusehen. 

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Als sie eines Sommertages ausgingen, um wilde Kräuter zu sammeln, kamen sie an einem großen Baum vorbei, der gefällt auf dem Boden lag. Dort sprang etwas herum und fluchte fürchterlich. Die Frauen gingen ein wenig näher heran und erkannten, dass es ein Zwerg war mit böser Miene und einem langen Bart, der an der Spitze im Baumstamm klemmte. Als der Zwerg sie sah, zeterte er: “Was steht ihr da rum, ihr alten Waschweiber! Ein wenig Holz wollt ich mir hacken für mein bescheidenes Mal. Helft mir gefälligst, wenn eure groben Hände das können!” 

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Schneeweißchen und Rosenrot aber haderten. Sie hatten noch nie zuvor einen Zwerg gesehen und obwohl er sehr klein war, war sein Blick wild und seine Worte bedrohlich. Da aber auch der Bär sie zuerst verschreckt hatte und nun ein guter Freund war, beschlossen sie, dem Zwerg zu helfen. Mit dem Messerchen, mit dem sie Kräuter schneiden wollten, trennten die Schwestern dem Zwerg die Spitze seines Bartes ab. Doch anstatt sich dankbar zu zeigen, wie der Bär es getan hatte, schimpfte der Zwerg:

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“Wahnsinnige Schafsköpfe! Meinen stolzen Bart habt ihr mir abgeschnitten! Geht mir aus den Augen, ihr schrumpeligen Gänse!”

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Und er griff in ein Baumloch hinein, aus dem er einen Sack voll Gold zog. Ohne das Feuerholz oder die Schwestern weiter zu beachten, sprang er davon. Schneeweißchen und Rosenrot sahen ihm ratlos nach. 

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Einige Zeit danach gingen die beiden Schwestern herunter zum Bach, um Fische zu angeln. Als sie nahe am Wasser waren, sahen sie den gut bekannten Zwerg darin herum planschen. Näher am Ufer erkannten sie, dass ein Fisch die Spitze seines Bartes geschnappt hatte und nun versuchte, den Zwerg zu sich ins Wasser zu ziehen. 

 

Wieder fuhr er sie an, als er sie sah: “Was gafft ihr nur? Sind eure alten Augen blind? Helft mir gefälligst!” 

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Doch Schneeweißchen und Rosenrot wussten nun, dass er nicht aus Angst so sprach, sondern aus Bitterkeit und Bosheit.

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“Damit du uns wieder schimpfst?”, sprach also Rosenrot. 

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“Ihr bekommt, was ihr verdient, ihr tattrigen Rinder!”, schrie der Zwerg sie an. 

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Schneeweißchen aber blieb ruhig. Sie legte dem Zwerg das kleine Messerchen hin und sagte: “Dann sollst du es auch.” 

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Der Zwerg starrte die Schwestern voll Zorn an. Noch immer zog und zerrte der Fisch an ihm, aber er war zu stolz, das Messer zu nehmen und sich zu helfen. Da brach auf einmal ein großer Bär aus dem Wald heraus und brüllte. Schneeweißchen und Rosenrot erkannten ihren Freund sofort, aber der Zwerg lief bleich an vor Angst. Plötzlich wurde er ganz freundlich und nett, als er wimmerte: 

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“Lieber Bär! Bitte verschon mich. Was hast du an mir schmächtigem Kerl? Da, die beiden Frauen, die packe dir, das sind zarte Bissen. Friss sie und lass mich gehen!”

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Da lachte der Bär laut und sprach: “Wie es scheint, ist mir bei der Jagd ja schon ein Fisch zuvor gekommen. Ich werde dich nicht fressen.”

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Nun, da der Zwerg wusste, dass der Bär ihm keine Gefahr war, wurde er erneut garstig. “So? Dann glotz nicht, sei ein Bär und schlag den Fisch mit deinen Pranken tot. Siehst du nicht, dass er mich ertränken will?”

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Da antwortete der Bär: “So nimm deinen Fluch von mir.”

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Schneeweißchen und Rosenrot hörten die Worte mit großer Überraschung. Der Zwerg hingegen schien genau zu wissen, was der Bär verlangte, denn er spie und schrie die schrecklichsten Namen und Flüche. Aber weil der Fisch immer stärker an ihm zog und er um sein Leben fürchtete, musste er widerwillig zustimmen. Da waren die beiden Schwestern auch schon mit ihrem Messerchen bei ihm und schnitten ihm wieder die Spitze seines Bartes ab. Der Zwerg sprang zornig davon. 

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Als sich Schneeweißchen und Rosenrot sich dann aber zu ihrem Bärenfreund umdrehten, staunten sie nicht schlecht! Der Bär hatte sein Fell abgestreift und nun stand dort ein junger Mann mit goldenem Haar und einem strahlenden Lächeln. 

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“Ich danke euch!”, sprach er. “Der Zwerg hat mich vor langer Zeit aus Gier in einen Bären verwandelt. Sommer für Sommer habe ich nach ihm gesucht und hättet ihr ihn von dem Fisch befreit, wäre er mir wieder entwischt.”

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 Da lachte Rosenrot. “Wäre er freundlich zu uns gewesen, dann hätten wir das auch.”

Schneeweißchen und der junge Mann lachten mit ihr. Glücklich kehrten die drei in die kleine Hütte zurück. Und weil es bald Winter wurde, luden die Schwestern ihren Freund ein, zu bleiben. Er half Schneeweißchen im Haus und streifte mit Rosenrot durch die Felder, und wenn sie alle drei im Wald nach roten Beeren suchten, sprachen sie: “Wir wollen uns nie verlassen, solange wir leben nicht.” Bald begann wie von Zauberhand vor ihrer Hütte ein drittes Rosenbäumchen zu wachsen und als es zu blühen begann, trugen sie alle drei jedes Jahr die schönsten Rosen - weiß, rot und gold.

geschrieben von Kathrin Schobel

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