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Es war einmal ... im Hier und Jetzt

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Das tapfere SchneiderleinMichael Zehentner
00:00 / 13:21

gelesen von Michael Zehentner

An einem Sommermorgen saß ein Schneiderlein auf seinem Tisch am Fenster, war guter Dinge und nähte aus Leibeskräften. Da kam eine Bäuerin die Straße herab und rief: "Äpfel, leckere Äpfel!" Das Schneiderlein bekam sofort großen Appetit und ließ sich zwei ganze Körbe verkaufen! Die stellte es voll Vorfreude neben sein offenes Fenster und versprach sich ein köstliches Abendessen. Ihr süßer Duft jedoch lockte bald immer mehr Fliegen in seine Werkstatt.

 

Als ein ganzer Schwarm die Apfelkörbe umkreiste, griff das Schneiderlein einen breiten, goldenen Gürtel und rief: “Euch werd ichs schon zeigen!” Und es schlug unbarmherzig auf die Fliegen. Zufrieden zählte es, wie viele es erwischt hatte, und fand ganze sieben tot die Beine von sich strecken. Da klopfte es sich stolz auf die Schulter und sprach: “Das soll mir erstmal einer nachmachen! Sieben! Das soll die ganze Welt erfahren.” So nahm es den Gürtel und stickte mit großen Buchstaben darauf: “Sieben auf einen Streich!” 

 

Weil ihm die eigene Werkstatt jetzt zu klein war für sein großes Talent, wollte es in die weite Welt hinaus. Es band sich den Gürtel um den Leib, packte ein paar der Äpfel, ein Stück Brot und einen alten Käse ein und verließ noch am gleichen Tag die Stadt. Es wanderte bis in den Wald hinein, schlief dort die Nacht und machte sich am nächsten Morgen daran, einen Berg zu besteigen. 

 

Als es den höchsten Gipfel erreicht hatte, saß da ein großer Riese und besah sich gemächlich die weite Landschaft. Das Schneiderlein ging beherzt auf ihn zu. 

 

“Guten Tag, Riese! Was sitzt du da und besiehst dir die schöne Welt nur von weitem? Ich bin auf dem Weg, sie zu besuchen. Hast du Lust, mitzugehen?” 

 

Der Riese betrachtete das Schneiderlein und sah natürlich sofort den goldenen Gürtel. Da fühlte er sich in seiner eigenen Stärke bedroht und grollte: “Mit dir halbem Hans? Ich habe Dörfer zerschlagen und Menschen zertreten, die dreimal größer waren als du! Beweis mir erst einmal, dass du ein echter Mann bist!” 

 

Da schüttelte das Schneiderlein lachend den Kopf und sprach: “Ich bin aber kein Mann.”

 

“So bist du eine Frau?”, fragte der Riese verwundert, aber das Schneiderlein schüttelte erneut den Kopf. 

 

Da wollte der Riese wissen: “Wie heißt man dich dann?” und das Schneiderlein antwortete: “Das Schneiderlein.” 

 

Der Riese packte einen großen Felsen, baute sich vor dem Schneiderlein auf und rief: “Dann zeig stattdessen, Schneiderlein, ob du wirklich stärker bist als ein echter Mann. Schau und machs mir nach!” Und er zerdrückte den Felsen in seiner großen Riesenhand zu Staub. 

 

“Ist’s weiter nichts?”, sprach das Schneiderlein, zog seinen alten Käse aus der Tasche und zerdrückte ihn ohne Mühe, dass der Saft heraus tropfte. Da wollte sich der Riese schon beschämt geschlagen geben, als das Schneiderlein lachte und sich neben ihn auf den Boden niederließ. 

 

“Es ist nur ein Käse, Riese”, sprach es und teilte den Käse in zwei Hälften. “Auf Stärke bilde ich mir nichts ein. Komm und iss mit mir.” 

 

Da war der Riese so verwundert, dass er sich erst einmal setzen musste. “Aber wie kannst du dir darauf nichts einbilden, wo du doch sieben Menschen auf einen Streich erschlagen hast!”

 

“Menschen!”, rief das Schneiderlein aus. “Nein, es sind nur Fliegen, die ich erwischt habe. Ich würde niemals anderen etwas zuleide tun und wäre auch noch stolz darauf. Kraft und Geschick sollten nie gegen Unschuldige genutzt werden, Riese, das macht einen nicht zu einem echten Mann, sondern zu einer schlechten Person.” 

 

Der Riese wurde nachdenklich und antwortete: “Aber auch wenn es nur Fliegen waren, trägst du den Gürtel doch mit Stolz.” 

 

Da sah das Schneiderlein, dass der Riese Recht hatte und band sich beschämt den Gürtel ab. Die beiden ungleichen Gefährten teilten den Käse und sprachen noch eine ganze Weile miteinander. Schließlich sprang das Schneiderlein auf.

 

“Komm nun, Freund, und zieh mit mir in die Welt hinaus!”

 

“Bist du sicher?”, fragte der Riese. “Ich kenne nur Gewalt und Kampf mit den Menschen.”

 

Das Schneiderlein bot ihm die kleine Hand. “Dann will ich dir zeigen, wie du mit deiner Kraft anderen helfen kannst. Du besiehst dir die Welt so sehnsüchtig und voll Neugier, einen wie dich kann sie gebrauchen!” 

 

Und so zogen Schneiderlein und Riese zusammen weiter und lebten ein friedliches Leben. Doch alle im Land, die schon von dem Schneiderlein und seinem Gürtel gehört hatten, sahen nur einen starken Soldaten an der Seite eines gefährlichen Riesen. Bald drang die Kunde bis zum Hofe des Königs und der ließ nach dem Schneiderlein schicken, um es in seinen Kriegsdienst zu stellen. Das Schneiderlein aber hatte von dem gierigen und machthungrigen König bereits gehört. Es hieß seinen Freund, den Riesen, sich versteckt zu halten, bis es nach ihm schicke. Dann trat es vergnügt vor den König und stellte sich in seinen Dienst. Den Soldaten aber log es vor, wie es sieben Menschen auf einen Streich erschlagen und einen Kampf gegen einen Riesen gewonnen habe. Die Soldaten hatten sofort Sorge, neben so einer Person mit ihrer Männlichkeit nicht bestehen zu können und wollten abdanken. Da packte auch den König die Angst, das Volk könne das Schneiderlein für voller nehmen und ihn stattdessen auf den Thron wünschen und er überlegte fieberhaft, wie er es wieder loswerden könnte. 

 

Endlich fand er einen Rat. Er schickte nach dem Schneiderlein und tönte, für einen so großen Riesenzähmer sei es doch ein sicherlich Leichtes, ein gefährliches Einhorn zu töten, das unter den königlichen Jägern großen Schaden anrichtete. Und um das Schneiderlein zu bestärken, sich dieser unmöglichen Aufgabe anzunehmen, versprach er ihm das halbe Reich und seine einzige Tochter zur Frau. Das Schneiderlein willigte ein, nahm sich eine Axt und einen Strick und ging damit in den Wald. 

 

Es brauchte nicht lang zu suchen, da kam das Einhorn auch schon daher und sprang mit spitzem Horn voran auf das Schneiderlein zu. Das Schneiderlein aber hatte sich vor einen dicken Baum gestellt und sprang im letzten Moment zur Seite. Das Horn des Tieres bohrte sich tief in das Holz und es konnte es nicht wieder herauszuziehen. Das Schneiderlein wollte das Einhorn schon an den Strick legen, da sah es, dass die Augen des Tieres voll Angst waren. 

 

“Was fürchtest du, Einhorn?”, fragte es also. “Du hast großen Schaden angerichtet und musst jetzt Verantwortung übernehmen.” 

 

“Ich habe nie jemandem etwas getan!”, rief das Einhorn aus. “Die Jäger des Königs verfolgen mich schon lange, denn der König will mein Horn besitzen, um sich damit zu schmücken. Ich dachte, auch du seist auch ein Jäger und wusste mir nicht anders zu helfen.” 

 

Da warf das Schneiderlein den Strick zur Seite und hieb mit der Axt das Horn des Tieres frei. Es sprach: “Du verdienst ein sicheres Leben. Versprich mir nur, niemanden mehr zu verletzen und ich will dafür sorgen, dass dich die Jäger nicht länger verfolgen. Willst du mir vertrauen und dich im Wald verstecken, bis ich nach dir schicke?” 

 

Das Einhorn willigte ein. Weil das Schneiderlein aber nun nicht mit leeren Händen vor den König treten konnte, hieb es einen Ast von einer Birke und schnitzte mit der Axt daraus ein falsches Horn. Das brauchte es vor den König. Der aber sah mit Schrecken, dass das Schneiderlein die Aufgabe bestanden hatte und weil er ihm den versprochenen Lohn nicht geben wollte, sprach er: “Eine weitere Aufgabe musst du noch bestehen. Ein tollwütiger Eber verwüstet meinen Wald und die Felder, den schlägst du mir tot.” 

 

Erneut willigte das Schneiderlein ein und zog zusammen mit den Jägern des Königs in den Wald zurück. Es suchte sich eine hölzerne Jagdhütte und legte davor die reifen Äpfel aus, die es mitgenommen hatte. Alsbald ließ sich der Eber von ihrem süßen Duft heranlocken. Als er das Schneiderlein sah, lief er mit schäumendem Maul und wetzenden Hauern auf es zu. Das Schneiderlein sprang jedoch wieder im letzten Moment zur Seite, sodass das Schwein stattdessen in die Hütte lief. Schnell schloss das Schneiderlein die Tür hinter dem wütenden Tier. Weil es aber von dem Einhorn gelernt hatte, rief es nicht gleich die Jäger, sondern trat ans Fenster und fragte: “Was macht dich so wütend, Eber, dass du so vielen Unschuldigen Schaden bringst?”

 

Da antwortete der Eber zornig: “Der König will den Wald besitzen. Ich aber lebe schon viel länger hier und habe Heim und Familie. Doch der König lässt das Wild töten und die Bäume holzen, und dann verkauft er seinen Bauern das Land, als sei es sein eigen. Unsereins aber treibt er aus den Heimen.” 

 

Das Schneiderlein lächelte und sprach: “So schließ dich mir an. Wenn du dich ruhig hältst und niemanden mehr verletzt,  lasse ich bald darauf nach dir schicken und du bekommst dein Heim zurück.”

 

Das Wildschwein willigte ein. Weil das Schneiderlein aber auch diesmal nicht mit leeren Händen vor den König treten konnte, hieß es den Eber, sich schlafend zu stellen. Das Schwein legte sich mühsam auf die Seite und streckte alle Viere von sich. Sofort rief das Schneiderlein die Jäger und ließ sie durch das Fenster schauen. Die Jäger dachten das Wildschwein tot und man brach auf zurück zum Schloss. Und weil die Jäger allesamt schworen, das tote Tier mit eigenen Augen gesehen zu haben, musste der König sich endlich geschlagen geben. Weil aber die Liebe zu seiner Tochter noch größer war als seine Machtgier, bot er dem Schneiderlein verzweifelt an, sich seine Hälfte des Reiches selbst zu wählen, wenn er dafür seine Tochter nicht fortgeben müsse. 

 

Das Schneiderlein sprach: “So verlange ich die Hälfte deines Königreiches, zu der der große Wald gehört. Deine Tochter will ich dir unter einer Bedingung lassen. Versprichst dus, egal, was es ist?”

 

Und der König sah keinen anderen Ausweg, als zuzustimmen. Da verlangte das Schneiderlein: “Deine Tochter wirst du nie wieder einem fremden Menschen versprechen. Sie darf selbst wählen, wen sie liebt und ob sie heiraten möchte.” 

 

Und der König versprachs. So wurde dem Schneiderlein also sein eigenes Königreich übergeben. Und noch am selben Tag, als es auf den Thron kam, ließ es nach seinen Freunden-  dem Riesen, dem Einhorn und dem Wildschwein -  schicken. Und ach, war das ein Wiedersehen! Dem glücklichen Wildschwein gab es sein Land zurück. Dem dankbaren Einhorn versprach es von nun an ein sicheres Leben. Und der liebste Gefährte des Schneiderleins, der Riese, wohnte von nun an bei ihm und lenkte mit ihm zusammen die Geschicke des Reiches. Bald schon ward das Königreich des Schneiderleins bekannt als blühendes, friedliches Land, in dem alle Wesen einander halfen und respektierten. 

geschrieben von Kathrin Schobel

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