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Es war einmal ... im Hier und Jetzt

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Die zertanzten SchuheKatharina Solzbacher
00:00 / 12:25

gelesen von Katharina Solzbacher

Es war einmal ein alter König, der auf der Welt nichts lieber hatte als seine zwölf Kinder. Jede Nacht schliefen die Königskinder alle zusammen in einem großen Saal, wo ihre Betten nebeneinander standen. Sie waren die liebsten und freundlichsten Kinder, denen niemand ein Unheil wünschte. Der König aber traute der Welt nicht und verschloss er jede Nacht die schwere Tür mit einem großen goldenen Schlüssel, um sie zu schützen. Erst am nächsten Morgen öffnete er sie wieder.

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Eines Morgens aber, als die zwölf Königskinder bereits beim Frühstück saßen, bemerkte der König, dass unter dem Bett des Ältesten ein Paar Tanzschuhe heraus lugte. Er zog sie hervor und wie groß war seine Überraschung, als er die Sohlen völlig zertanzt fand! Dabei hatte der König aus Sorge um seine Kinder schon lang keine Fremden mehr zu einem Ball ins Schloss geladen. Aber auch unter den anderen Betten fand er zertanzte Paar Schuhe, und sogar die Reifen des Rollstuhls der Jüngsten waren abgenutzt, als habe sie sich die gesamte Nacht darauf im Kreis gedreht. Weil aber niemand im Schloss in der Nacht Musik oder Gelächter aus dem Zimmer gehört hatte, gab es für den König keine andere Erklärung, als dass sich seine Kinder davongeschlichen haben mussten. Aber die Tür war doch nachts verschlossen! Da wurde der König besorgt, und weil Sorge um jemanden, den man liebt, schnell zu Wut werden kann, befragte er seine Kinder zornig nach der vergangenen Nacht. Doch alle Zwölf beteuerten, fest geschlafen zu haben. In der folgenden Nacht schloss der König nicht nur erneut die Türe ab, doch wieder waren am nächsten Morgen die Schuhe und Reifen zertanzt. So ging es eine ganze Weile. Niemand am Hofe wusste, wohin die zwölf Königskinder in der Nacht verschwanden. Der König war ratlos, aber je mehr er seine Kinder einzusperren versuchte, umso mehr verschlossen sie sich vor ihm. 

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Da ließ der König seine treue Jägerin holen. Sie war die beste Jägerin des Königreiches, denn sie hatte leise Schritte und besaß einen Umhang, der sie unsichtbar machte. Am folgenden Abend ließ er sie unter ihrem Umhang in den Schlafsaal zu den Königskindern und verschloss hinter ihr, wie jede Nacht, die Türe. Die Königskinder schüttelten ihre Kissen aus und sagten sich artig "Gute Nacht". Und schon bald darauf schienen sie alle tief und fest zu schlafen.

Als der Jägerin selbst schon beinahe die Augen zu fielen, erwachte auf einmal der älteste Sohn. Er schlüpfte aus dem Bett und weckte reihum alle seine Geschwister. Leise kichernd griffen sie unter ihre Betten, zogen sich ihre Tanzschuhe über und halfen der jüngsten Schwester in ihren Rollstuhl. Dann zogen sie sich alle ihre langen Nachtgewänder aus. Mit großem Staunen sah die Jägerin, dass sie darunter allesamt die schönsten Rücke, Kleider und Westen trugen - für ein jedes Königskind in einer anderen schillernden Farben. Als sie sich so zum Tanz herausgeputzt hatten, ging der Älteste zurück zu seinem Bett und klopfte drei Mal an das Holz. Sofort versank das Bett im Boden und in der Öffnung führte eine lange Rampe hinab, die sich wie eine Spirale tief hinunter wandte. 

 

Unten war es noch dunkler als die Nacht, aber die Königskinder schienen keine Angst zu haben. Hintereinander gingen und fuhren sie die Rampe herunter. Die Jägerin folgte ihnen heimlich und schlich dicht hinter der Jüngsten. Der Weg hinunter war sehr lang, aber dann endlich erreichten sie eine kleine Tür in der Wand. Die Jägerin traute ihren Augen nicht, als sie dahinter in einen langen Ganz ganz umsäumt von silbernen Bäumen traten. Weil sie wusste, dass er König ihr nie glauben würde, was sie gerade sah, brach sie einen kleinen, silbernen Zweig von einem der Bäume. Die Jüngste aber hörte es knacken und rief ihre Geschwister. Die konnten jedoch niemanden entdecken, taten das Geräusch als Einbildung ab und mahnten zur Eile, die wahre Liebe würde zum Tanze bitten. 

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Am Ende des Ganges kamen sie in einen kleinen Garten, dessen Blumen und Blätter alle in Gold erstrahlten. Auch hier wollte die Jägerin einen Beweis an sich nehmen und schnitt sich mit ihrem Messer eine Blume ab. Die Jüngste aber hörte es rascheln und rief ihre Geschwister. Die konnten jedoch wieder niemanden entdecken, taten das Geräusch als Einbildung ab und mahnten zur Eile, die wahre Liebe würde zum Tanze bitten. 

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 Als sie den Garten durchquert hatten, standen sie vor einem großen See, dessen Wasser klar wie Kristall war. An seinem Ufer lagen zwölf kleine Boote und jedes Königskind bestieg nun eines davon. Die Jägerin stahl sich hinter die Jüngste auf das Boot und schon ward es wie von unsichtbarer Hand in Bewegung gesetzt. Während der Fahrt verlangte es der Jägerin nach einem letzten Beweis für den König und sie schöpfte etwas von dem kristallenen Wasser in ihren Trinkschlauch. Die Jüngste aber hörte es glucksen und rief ihre Geschwister. Die konnten jedoch niemanden entdecken, taten das Geräusch als Einbildung ab und mahnten ein letztes Mal zur Eile, die wahre Liebe würde zum Tanze bitten. 

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Bald schon sah die Jägerin eine kleine Insel inmitten des Sees. Darauf war ein prächtiger Garten, dessen Blüten in allen Farben unter der Sonne erstrahlten und in seiner Mitte war eine große, runde Fläche aus hellem, glattem Stein. Die Boote hielten direkt darauf zu und legten schließlich an. Mit großer Freude und lautem Lachen verließen die Königskinder allesamt die Boote und auch die Jüngste schob ihren Rollstuhl über zwei Rampen in den schönen Garten hinein. Die Jägerin folgte, bezog Stellung neben einem Baum am Rande der Steinfliesen und beobachtete, was nun geschah. 

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Eins nach dem anderen liefen und fuhren die Königskinder in den steinernen Kreis. Sogleich erklang wie von Zauberhand die schönste Musik und sie begannen, zu tanzen. Gerade, als sich die Jägerin schon fragte, was diese “wahre Liebe” sei, die zum Tanze bat, kamen aus dem Garten heraus plötzlich allerhand Menschen gelaufen und fanden sich zum Tanze mit den Königskindern zusammen. Der Älteste fiel einer Prinzessin in die Arme, eine seiner Schwestern wiegte sich eng umschlungen mit einer anderen Frau. Ein Bruder ließ sich stets von zweien zum Tanz bitten, ein weiteres Königskind drehte sich in einem glücklichen Reigen mit seinen liebsten Freunden. Durch sie alle hindurch wirbelte ein weiteres und tanzte mal hier, mal da mit allen, die ihm wohl gefielen. Die älteste Schwester war sein Gegenstück, denn sie tanzte lächelnd ganz mit sich allein. Die Jüngste im Rollstuhl drehte sich lachend mit einem jungen Mann im Walzer und ein anderes Königskind fand sein Glück sogar darin, stattdessen an einem Baum zu sitzen, zu lesen und hin und wieder voll Zufriedenheit auf seine Geschwister zu sehen. Alle Gesichter, in die die Jägerin blickte, waren so voller Glück und Freude über die Freiheit, dass ihr warm ums Herz wurde. Voll Zwiespalt dachte sie an die drei Andenken in ihrer Tasche. 

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Sobald der König das Geheimnis kannte, würde er seinen Kindern den nächtlichen Tanz mit der Liebe ganz sicher für immer verbieten. Da wurde der Jägerin das Gewissen ganz schwer und sie fasste eine Entscheidung. Sie nahm Nuss und Blume aus der Tasche, warf sie auf den Boden und goss das Kristallwasser darüber aus, dass der König nichts davon je zu Gesicht bekommen solle. 

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Das hörte jedoch wieder die Jüngste. Als sie diesmal nach ihren Geschwistern rief und der Tanz erstarb, zog die Jägerin sich den Umhang vom Kopf und gab sich zu erkennen. Wie groß war die Überraschung! Die Jägerin enthüllte ihnen, dass der König sie geschickt habe. Sofort  baten die Königskinder sie, ihrem Vater das Geheimnis nicht zu verraten. Die Jägerin ward erweicht und versprach es. Der König jedoch, erinnerte sie, sei nun noch immer nicht von seiner tiefen Sorge erlöst. Da wurde es still unter den Kindern und die Blicke, die sie untereinander tauschten, waren voll Reue.

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Als der König am folgenden Morgen die Schuhe erneut zertanzt und die Reifen abgenutzt fand, wusste er sich nicht mehr zu helfen. Selbst die aufmerksame Jägerin berichtete ihm, dass seine zwölf Kinder die ganze Nacht tief geschlafen hatten. 

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Die Königskinder jedoch waren in der letzten Nacht sehr nachdenklich geworden. Über ihren Ärger dem strengen Vater gegenüber hatten sie beinahe vergessen, dass er sich doch nur um sie sorgte. Und weil alle Kinder sich nichts mehr wünschten als Frieden mit ihrem geliebten Vater, fassten auch sie einen Entschluss. Alle zusammen suchten sie ihren Vater auf und versprachen, ehrlich mit ihm zu sein, wenn er im Gegenzug sein Wort geben würde, zu hören, was sie ihm zu sagen hatten. Der König, gerührt von seinen Kindern, willigte ein. So baten ihn seine Kinder noch am selben Abend mit ihnen in den Schlafsaal. Der Älteste klopfte gegen sein Bett und die geheime Öffnung tat sich auf. Der Vater war bestürzt, aber weil er seinen Kindern versprochen hatte, zu hören, was sie ihm zu sagen hatten, schwieg er und ließ sich tief die lange Rampe herunter führen. Und wie er staunte, als er den ersten Baumgang sah! Und noch viel mehr, als er den goldenen Garten betrat. Als er schließlich mit einem Boot über den Kristallsee fuhr, wagte er es endlich, zu fragen, was für ein wundersamer Ort dies sei. Seine Kinder lachten und sagten, hier würde seine wahre Liebe ihn gleich zum Tanze bitten. 

Als sie die Insel jedoch betraten und die schöne Musik zu spielen begann, kamen dieses Mal keine Menschen aus dem Garten. Stattdessen fand sich der König ganz allein mit seinen zwölf Kindern. Da wurde ihm auf einmal klar, dass die Vorhersage wahr geworden war. Er war von seiner wahren, reinen Liebe umgeben. Und so nahmen sie sich alle an den Händen und der König und seine zwölf Kinder tanzten die ganze Nacht durch den prächtigen Garten. Den großen, goldenen Schlüssel aber warfen sie in den See. Von nun an hatten sie keine Geheimnisse mehr voreinander und weil der König das wusste, ließ er die Türe zu ihrem Saal und sein Herz nun unverschlossen.

geschrieben von Kathrin Schobel

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